Ricarda M.

Verkaufs-Genie und Stil-Ikone

Lifestyle-Ikone Ricarda M.
Die Münchner Unternehmerin und Lifestyle-Ikone Ricarda M. beschert dem Teleshopping-Unternehmen QVC immer neue Umsatzrekorde. Das Ergebnis von Talent, Persönlichkeit und perfekter Inszenierung

Eine schlanke Frau mit dunklem Pagenkopf, üppige, alles beherrschende Lippen, exakt gezirkelte Brauen über dunklen Augen, denen nichts entgeht. Ein breites makelloses Lächeln umfängt die Anwesenden, herzlich wie eine Umarmung und dennoch auf Distanz bedacht. „Sorry, wir sind zu spät, zur Zeit jagt ein Termin den anderen“, gurrt sie aus tiefer Kehle, während Marcello, ihr Mann und Manager, ihr aus dem cremefarbenen, Pelzmantel hilft. Kein Zweifel: Ricarda Manuela – kurz Ricarda M. beherrscht den großen Auftritt nicht nur vor der TV-Kamera des Teleshopping-Unternehmens QVC, vor der sie monatlich bis zu 20 Stunden ihr eigenes Sortiment an Kosmetik, Schmuck, Mode und Accessoires vertreibt. Wer selbst erlebt hat, wie sie die Atmosphäre unter Spannung setzt und die Anwesenden in ihren Bann zwingt wie eine Dompteurin ihre Tigerkatzen, der hat einen Teil des Medien-Phänomens Ricarda M. bereits erfasst.

Die Erfolgsgeschichte der Selfmade-Unternehmerin Ricarda M. ist eng verbunden mit dem Siegeszug des Teleshopping; umgekehrt hat Niemand diesen Vertriebsweg so populär gemacht wie die gelernte Einzelhandelskauffrau aus Ludwigsburg. Sowohl ihr früherer Geschäftspartner HSE24, den sie Anfang des Jahres 2006 nach sieben erfolgreichen Jahren verließ, profitierte von ihrem Status als „Kultfigur“ und immer neuen Umsatzrekorden, seit Mai 2006 ist beim Marktführer QVC in Düsseldorf unter Vertrag und begeistert seitdem ein Millionenpublikum In Rekordzeit hat sie auch bei ihrem neuen Kooperationspartner ihr eigenes Lifestyle-Imperium errichtet. Sie lässt Kosmetik, Mode, Accessoires und Schmuck nach ihren Entwürfen fertigen, die sie oft bereits kurz nach Beginn der offiziellen Sendezeit bis auf den letzten Artikel verkauft hat. Ihr Erfolgsgeheimnis beschreibt sie so simpel wie einleuchtend: „Ich bin ehrgeizig, authentisch und stehe voll hinter meinen Produkten. Diese Begeisterung überträgt sich auf meine Kunden“, sagt Ricarda M., greift in die Schale mit dem Weihnachtsgebäck und lacht über das ganze Gesicht.

In der Tat scheint die Symbiose zwischen Produkt und Persönlichkeit ein wesentlicher Erfolgsfaktor der 41jährigen Verkaufs-Ikone zu sein. Das zeigt bereits ein Blick auf die zahlreichen Fan-Seiten im Internet, etwa das Portal „beautyjunkies“. „Nach langer Zeit des Wartens wissen wir, dass Ricarda am 7. Mai auf QVC zu sehen ist“, schreibt hier „Forenqueen“ namens Lucky. „Hypnotic poison“ antwortet: „Ricci ist wieder da – da haben wir was zu feiern“, „Tweety“ bemerkt: „Ricci trägt ihre Haare länger“. Von Entzugserscheinungen ist die Rede, andere schwärmen von ihrem „hohen Unterhaltungswert“. Wann immer sie mit Ihren Produkten On Air ist, glühen die Telefonleitungen in den Call Centern. Marcello Hofmann: „Viele Anrufer wollen direkt in die Sendung verbunden werden, um mit Ricarda M. persönlich zu sprechen. Ein Fan meinte, sie würde bei Ricarda lauter kreischen als jeder Fan beim Anblick von Tokio Hotel.“ Jeder Auftritt löse eine Partywelle aus, anschließend müssten bergeweise Fanpost beantwortet werden.

Den Grund für die fast hymnische Verehrung glaubt das Objekt der Bewunderung selbst am besten zu kennen: „Ich agiere vor der Kamera nach meinen eigenen Regeln und kümmere mich nicht um Patentrezepte oder die Erwartungen anderer“, sagt Ricarda M. Ihr Mann reicht ihr eine glimmende Marlboro light, eine kurze Atempause, während der sie nach Beispielen ihrer unkonventionellen Verkaufs-Methodik sucht. Ach ja. Kurzes Auflachen, dann ein neuer Redeschwall. Da sollte sie in einer Sendung laut Anweisung die Farbe eines Shirts als „pink“ präsentieren. Das tat sie aber nicht. Stattdessen sagte sie: „Das hier ist nicht pink sondern lila, auch wenn es in der Maske steht und ich das so sagen sollte. Aber ein Blinder sieht, dass das nicht Pink ist, oder?

Als sie ihre erste Schmuck-Kollektion bei dem Verkaufssender HSE24 im Jahr 2001 zeigen wollte, bat man sie um eine „ruhige“ Vorstellung. Sie lacht: „Ich sollte doch tatsächlich mein Handgelenk mit dem Armband brav auf ein Samtkissen packen und mich ja nicht rühren. Und das mir! Stattdessen habe ich mich von oben bis unten mit dem Schmuck behängt, bin herumgewirbelt, wie es meine Art ist und habe dabei in einer Tour geredet. Nach einer halben Stunde waren wir ausverkauft und hatten 380.000 Mark Umsatz erreicht – danach hat mir keiner mehr gesagt, wie ich meine Ware präsentieren soll“.

Ein weiterer Erfolgfaktor ist die perfekte Selbstinszenierung in der von ihr geschaffenen Produkt-Welt Ricarda M. trägt ausschließlich ihre eigenen Kreationen; perfekt gekleidet, geschmückt und geschminkt verkörpert sie so das Ideal opulenter Weiblichkeit, eine Mischung aus Femme-Fatale und Hohepriesterin, konterkariert von fast kindlicher Hingabe und schalkhaftem Humor, mit dem sie es zelebriert – fast als sei sie noch das kleine Mädchen, das in jeder Frau steckt, die einst mit leuchtenden Augen in den Kleidern ihrer Mutter posierte, heimlich deren Lippenstift und Nagellack auftrug. Vor jeder Sendung lässt sie sich nach Ihren Anweisungen schminken, frisieren und kleidet sich in ihrer Mode, präsentiert dann das Ergebnis mit sichtlichem Stolz, einer Prise Übermut und einem Augenzwinkern. Ihre Botschaft kommt an. Sie lautet: Jede Frau ist schön – ich zeig Euch, wie es geht.“
Lifestyle-Ikone Ricarda M. Lifestyle-Ikone Ricarda M. Lifestyle-Ikone Ricarda M.
Doch Verkaufstalent und die Lust an der eigenen Weiblichkeit erklären nicht den Aufstieg in den Homeshopping-Olymp mit eigener Markenwelt. Ohne enormen Ehrgeiz, Fleiß, untrügliches Trend-Gespür und ein hohes Maß an Kreativität und Selbstvertrauen gäbe es keine Marke Ricarda M., kein Lifestyle-Imperium mit Strahlkraft, Rekordumsätzen und eingeschworener Fangemeinde Während sie ihren Lebensweg schildert, immer wieder in lautes Lachen ausbricht, abwechselnd, raucht, am Mineralwasser nippt und ihre Erzählungen mit großen Gesten unterstreicht, fügt sich das Puzzle ihrer wechselvollen Karriere, als hätte eine höhere Macht bei ihrem Aufstieg die Regie geführt mit dem einzigen Ziel, ihr das nötige Rüstzeug für ihre künftige Rolle als Homeshopping-Queen zu verpassen.

Am Anfang kam die große Verkaufs-Schule. Ihr Vater, ein freier Handelsvertreter für Kosmetik-Produkte, hat ihr die Liebe zum Metier in die Wiege gelegt. Zwischen 1983 und 1992 organisierte sie Promotions und Produkt-Schulungen für Firmen wie Fabergé, Elizabeth Arden und Guerlain. Jedes Mal wurde sie ins kalte Wasser geworfen. „Ich sollte bei Karstadt für Hertie den neuen Herrenduft von Ralph Lauren einführen und mindestens 60.000 Mark die Woche umsetzen. Das war fast unmöglich, zumindest in den Augen meiner Auftraggeber“. Sie heuerte ein Heer attraktiver Promotion-Damen an, die ihre Kunden an den Rolltreppen und Wühltischen ansprachen und charmant zum Stand eskortierten. „Wir waren natürlich im hintersten Eck, keiner wäre da vorbei gekommen. Am Ende haben wir den höchsten Umsatz aller Marken eingefahren, das hat einigen etablierten Firmen mächtig gestunken“, lacht sie.

Als sie, ohne jegliche Erfahrung, im Auftrag von Parfums & Collection die Schulung der Douglas-Mitarbeiter übernehmen sollte, hatte sie ein paar schlaflose Nächte. Ihr damaliger Freund, ein Management-Trainer, weigerte sich, ihr mit Tipps zu helfen. „Er sagte, seine Stunde koste 1000 Mark, das könne sie sich nicht leisten“. Das war der Anfang vom Ende der Beziehung, doch gleichzeitig der Beginn einer neuen Erfahrung: Sie schulte nach eigener Methodik: spontan, detailliert, unterhaltsam – und es funktionierte. „Ich merkte, dass ich Dinge anschaulich erklären kann und es vor allem mit großer Begeisterung tue“. Sie sinniert kurz und sagt: „Mir haben immer alle Vorgesetzen alles zugetraut und mich ins Rennen geschickt. Gottlob habe ich jedes Mal ihre Erwartungen übertroffen.“
Das war auch so, als Sie zwischen 1990 und 1992 den „gesamten Osten“ beackern sollte. 5000 Kilometer pro Woche legte sie zwischen Mecklenburg und Sachsen zurück, bestückte die Depots der Warenhäuser und Parfümerien, schulte das Personal und schrieb die höchsten Umsätze im Team. „Die Kollegen wurden immer saurer. Immer sollte ich denen erklären, wie ich verkaufe, aber das lässt sich nun mal nicht kopieren“. Auch ihrem Vater, der ebenfalls das Ost-Geschäft aufbaute, kam sie ein paar Mal ins Gehege. „Ein Händler sagte ihm, noch bevor sich die Tür hinter ihm schloss: „Wir haben keinen Cent mehr für Sie, Ihre Tochter war gerade hier“. Sie sagt es mit Wehmut, ihr Vater starb im Jahr 2004 an Krebs. „Er hat mich immer gefördert und unterstützt“.

Wie ein Bruch wirkt ihre anschließende Auszeit aus der Kosmetik-Branche, als sie 1992 auf Drängen ihres damaligen Ehemannes den Job an den Nagel hängt und in seiner Baufirma einsteigt. Doch nur auf den ersten Blick. Sie wird „wieder in kaltes Wasser geworfen“, soll die Finanzen ordnen – „ich hatte keine Ahnung von Bilanzen“ – und kümmerte sich um die Lohnabrechnung. Sie verhandelt mit Bauherren, die nicht zahlen und lernt, einen Betrieb zu organisieren. „Im Rückblick bin ich dankbar für diese Schule. Sie gab mir den letzten Schliff, um mein eigenes Ding machen zu können“.

Das „eigene Ding“ startete sie 1998. Gemeinsam mit ihrem Bruder Peter Hofmann der heute in den USA eine Kosmetikproduktion betreibt, baut sie eine Art „Familienbetrieb“ auf, um ihre eigenen Kosmetikprodukte zu entwickeln und zu vertreiben. Sie gründet die Ricarda M. Vertriebs GmbH“ und verkauft ihr Sortiment ab 1999 über den Home Shopping Europe (HSE 24). Rund 180 Stunden ist sie im Jahr live auf Sendung und avancierte schnell zum Zugpferd des Senders. „Ich wollte die Beste sein. Die erfolgreiche Konkurrenz war mir immer Ansporn“. Ihre Nagelpflegeserie Ruby Crystal, die sie 1998 selbst entwickelt hatte, markierte den Durchbruch. „Keiner glaubte an den Erfolg, und bis heute ist es das meistverkaufte Kosmetik-Produkt im Home-Shopping-Bereich.“

Von da an ging es Schlag auf Schlag: Im Jahr 2000 gründet sie die Marke Ricarda M., erweitert ihr Sortiment im Laufe der Jahre um Schmuck Taschen, Mode, Accessoires, Parfum und erreicht den Status einer Kultfigur. Ihr Motto: Designed in Heaven, Made in Paradise. Paradiesisch waren von Anfang an die Umsätze, über die sie allerdings strenges Stillschweigen wahrt. Sie konnte entwickeln und verkaufen, was sie wollte: alles funktionierte. „Ich wollte spontan so ein Fabergé-Ei mit Swarovski-Steinen als Gefäß für eine Parfumkonzentrat“, sagt sie und lässt genüsslich die Erinnerung Revue passieren. „Alle dachten“ – sie tippt sich an die Stirn – „dass ich jetzt ja wohl komplett spinne, aber nach einer halben Stunde war kein einziges Ei mehr da“.

Dass sie trotz ihres Erfolges im Januar 2006 ihren Abschied bei HSE24 feiert um im Mai nach kreativer Pause – „ich brauchte nach dem Stress dringend eine Auszeit“ – zum Marktführer QVC zu wechseln, erklärt sie mit ihrem Drang nach mehr Selbstbestimmung und künstlerischer Freiheit. Beim Düsseldorfer Teleshopping-Unternehmen entwickelt sie in enger Kooperation mit QVC als “Chef-Designerin“ neue Produkte und Produktlinien, bestimmt Form und Farben, sucht die Stoffe aus und präsentiert ihre neuen „Stars“ anschließend im TV.

Der jüngste Coup: Am 10. Dezember feierte sie Premiere mit ihrer ersten Luxus-Kollektion im Echtschmuck „Juwel DeLuxe“ mit Stückpreisen über 1000 Euro und stieß damit in eine neue Dimension des Teleshopping vor. Das Wagnis hat sich gelohnt, die Kollektion fand reißenden Absatz. Sie sei sehr aufgeregt gewesen, hätte die Nächte vorher kaum schlafen können, doch diesen Schritt hätte sie tun müssen. „Ich brauche immer neue Ziele. Ich will noch viele Träume mit meiner Marke umsetzen – die Ideen kommen mir spontan, mitten aus dem Leben heraus – so bin ich nun mal“.

Hedda Möller





Aktualisierung: 26.01.2007 | 08:46 | © PIMP YOUR LIFE
Bilderleiste2_1.jpg